Anne: Meine Schule ist voll, laut und dreckig.

9„Naaaaaaa, freust du dich auf die Schule?“ Anne lächelte schüchtern. Sie wusste nicht so genau, was eine Einschulungsuntersuchung ist und warum sie komische Fragen gestellt bekam. „Du wirst ganz viele andere Kinder kennenlernen“, sagte die Frau. Ihre Mutter neben ihr war plötzlich zusammengezuckt. 800 – sind das viele oder wenige? „Wenn die Toiletten nicht so schön sind, dann trinke einfach weniger“. Irgendetwas war wirklich seltsam am Lächeln der Dame ihr gegenüber. Gegen Lärm helfe Oropax und regelmäßige Mahlzeiten schmeckten ohnehin zu Hause am besten. „Ich wünsche dir viel Freude in der…“ Den Rest hätte sie auch gerne gehört. Aber Mama musste ganz dringend etwas erledigen.

Das ist natürlich erfunden.
Aber Annes Erzählung aus der Weddinger Anna-Lindh-Schule, die ist echt.
Noch 9 Tage bis zur Wahl.

Hallo, ich heiße Anne und gehe in die zweite Klasse der Anna-Lindh-Schule. Ich möchte Euch mal erzählen, wie es bei uns so ist. Zum Beispiel mit dem Essen. Bei uns geht es eigentlich, nur laut ist es, weil so viele Kinder da sind – nur wenn wir das Leise-Spiel machen, dann ist es gut.

©Dragan Novakovic
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Wir dürfen von Montag bis Mittwoch in der vierten Stunde essen und Donnerstag und Freitag in der fünften Stunde. Das wird so gemacht, weil die Mensa viel zu klein ist für alle Schüler der Schule. Jede Klasse geht dann nämlich zu einer anderen Zeit essen. In der fünften Stunde ist es gut. Aber wenn wir schon in der vierten Stunde essen, haben viele Kinder noch gar keinen Hunger, weil wir am Anfang der zweiten Stunde erst Frühstückspause hatten.

Und im Hort haben wir dann schon wieder zu viel Hunger. Aber richtig doof ist es für meinen Bruder Hannes. Der geht nämlich in die vierte Klasse und die müssen in der zweiten Hofpause essen. Da haben die nur ganz wenig Zeit, weil die Hofpause nur kurz ist. Und außerdem muss man ja immer ganz lange anstehen, weil so viele Kinder essen wollen, da gibt es ganz lange Schlangen.

Und dann können die Kinder aus Hannes’ Klasse oft gar nicht fertig essen. Hannes’ Erzieher, der sagt immer, eigentlich soll man nicht schnell essen, weil das ja nicht so gesund ist, aber dann erlaubt er es natürlich doch, weil die Kinder das Essen sonst ja gar nicht fertigkriegen. Und was dann gar nicht mehr geht, ist, wenn man noch Tischdienst hat! Dann bin ich manchmal zu spät im Unterricht.

©Dragan Novakovic
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Wir sind halt einfach eine Schule, auf die ganz viele Schüler gehen. Da ist es voll und oft laut und auch dreckig, weil wir ja so viele sind. Am schlimmsten finde ich die Toiletten. Auf dem Schulhof ist es nicht so schlimm, aber die Toiletten, die sind richtig eklig, und da gehe ich nicht so gerne hin. Die sind ganz alt und die Rohre sind nicht mehr dicht, deshalb stinkt es. Ich versuche eigentlich, es so zu machen, dass ich nur zu Hause auf die Toilette muss. Aber das ist manchmal ziemlich schwierig, wenn ich bis 16 Uhr im Hort bleiben soll.

©Dragan Novakovic
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Auch in den Hofpausen sind immer ganz viele Kinder da. In der ersten Hofpause, die ist eigentlich ganz ruhig, weil wir da immer auf dem Hinterhof sind, aber in der zweiten Hofpause ist es dann laut, weil wir da auf dem Vorderhof sind. Oft ist in der zweiten Hofpause nämlich kein Lehrer oder Erzieher auf dem Hinterhof und dann dürfen wir da nicht hin. Wir können da oft spielen, was wir wollen, aber, wenn wir was spielen, wo man gut hören muss, dann kann man sich ja nicht so gut konzentrieren, wenn es da so laut ist.“  (Anne, 2. Klasse)

 

Das ist also der Alltag an der Anna-Lindh-Schule mit den Augen einer Siebenjährigen und eines Neunjährigen. Viel hinzuzufügen ist dem nicht, vielleicht noch einige wenige Fakten: Die Anna-Lindh-Schule ist mit ihren knapp 800 Schülern bereits jetzt hoffnungslos überfüllt. Dies ist nicht nur gefühlt so, wenn man sich an den Vorschriften des Senats orientiert, soll eine Grundschule höchstens 3-4-zügig sein, was bei einer Klassenstärke von 25 Schülern selbst bei der Obergrenze einer Gesamtschülerzahl von 600 Schülern entspricht. Dazu kommt, dass der Anna-Lindh-Schule als Brennpunktschule mit besonderem Förderbedarf Klassenstärken von unter 25 Kindern zustehen – eigentlich.

Die Reizüberflutung der Schülerinnen und Schüler spürt man, wenn die Kinder nachmittags nach Hause kommen: Unsere wollen nicht mehr so oft in den Hort, obwohl sie ihre Freunde dort gern haben, die Erzieher und die Freizeitangebote schätzen. Noch mehr schätzen sie aber auch immer wieder die Ruhe zu Hause – und dafür nehmen sie auch in Kauf, dann ganz alleine dort zu sein. Sehr schade!

Julia Baier, Mutter von vier Kindern
Claudia Liebscher, Mutter von zwei Kindern
GEV Vorstand aus der Anna-Lindh-Schule

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