Laut ist ungesund – ein Plädoyer für leise Schulen

6Berliner Schüler schneiden in nationalen Vergleichstests regelmäßig desaströs ab. Lesen, Schreiben, Rechnen – ein hoher Anteil der Drittklässler erreicht nicht die Mindeststandards. Wenn über die Ursachen diskutiert wird, dann über Lehrermangel, Mangel an Fachlehrern, Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung, zu große Klassen, Quartiere in sozial herausfordernden Lagen (vulgo Brennpunkte)…

Über Räume und einen hohen Lärmpegel wird zwar unter Pädagogen diskutiert, auch Anne aus der Anna-Lindh-Schule (siehe Kalenderblatt 9) stört es, dass es so laut ist in ihrer Schule. In der Diskussion um Sanierungen und Qualitätsverbesserungen von Schulen spielt dieser Aspekt jedoch bisher nur eine untergeordnete Rolle. Eltern aus dem Landeselternausschuss möchten das ändern und plädieren für Akustikmaßnahmen, damit „leise Schulen“ zum Berliner Standard werden.

Kurzzeitig hatte die Senatsverwaltung die Idee, die Ergebisse der Vergleichsarbeiten nicht mehr zu veröffentlichen. Was sicher einfach und billig wäre, außerdem blieben der Verwaltung anstrengende Diskussionen erspart. Eine Debatte über gute, schöne und leise Räume in Berliner Schulen wäre bestimmt zielführender.
Noch 6 Tage bis zur Wahl.

Eltern messen Schullärm © Ute Lindenbeck
Eltern messen Schullärm
© Ute Lindenbeck

Berliner Schulen sind laut. Das liegt nicht etwa daran, dass sie alle an großen Straßen liegen oder Berlins Schüler*innen so viel Krach machen. Grund ist die schlechte Akustik in vielen Schulen. 800 Berliner Schulen sind alt, die letzte Sanierung lange her und es mangelt an ausreichendem Schallschutz. Die Folge: In den Räumen ist kaum das eigene Wort zu verstehen – auch wenn sich alle bemühen leise zu sein. Machen die Kinder gar  Gruppenarbeit, sprechen also mehrere Menschen gleichzeitig, wird selbst leises Reden zu Lärm.

Normen und Gesetze

Kinderohr kann Störgeräusche nicht ausblenden © Dörte Brandes
Kinderohr kann Störgeräusche nicht ausblenden
© Dörte Brandes

Seit Inkrafttreten der „Behindertenrechtskonvention“ besteht ein uneingeschränktes Recht aller Menschen auf Teilhabe. Auch in Schulen ist nun das Leitbild die Inklusion aller Kinder. Die erlaubte Lautstärke in Neubauten und sanierten öffentlich zugänglichen Räumen wird durch Bauvorschriften geregelt. So soll eine gute Hörsamkeit ermöglicht werden, z. B. durch schallschluckende Materialien an Decken und Wänden. Doch dafür fehlt meist das Geld. Fakt ist: Nur 20 % der Berliner Schulen sind leise genug. Grundschul-Eltern haben in ihrer Schule durchschnittlich 80-85 db gemessen, ein Vielfaches über dem für Neubauten erlaubten Wert.

Hören und Verstehen

Gute Akustikmaßnahmen im Klassenraum © Bauereignis Sütterlin Wagner.
Gute Akustikmaßnahmen im Klassenraum
© Bauereignis Sütterlin Wagner.

Sprachliche Kommunikation ist für erfolgreiches Lernen ganz entscheidend. Hohe Geräuschpegel, fehlende Sprachverständlichkeit stören erheblich. Zu laute Räume führen zu Konzentrationsproblemen, Unruhe, Ermüdung, Kopfschmerzen. Gute Raumakustik und Lern- und Lehrqualität hängen eng zusammen, das belegen zahlreiche Studien. Ist für Kinder die Unterrichtssprache eine andere als die Muttersprache, ist gutes Hören und Verstehen besonders wichtig. Die Leistungen von Grundschulkindern werden bei Hintergrundlärm um bis zu 25 % schlechter.  Es fällt ihnen in dem Alter noch sehr schwer, sich bei ablenkenden Geräuschen zu konzentrieren. Auch für Kinder mit Sprachschwierigkeiten, Konzentrations- bzw. Aufmerksamkeitsstörungen, Leistungsschwäche ist eine schlechte Akustik eine entscheidende Benachteiligung.

Leise Schulen

Gute Akustikmaßnahmen an Flurdecken und Wänden © Bauereignis Sütterlin Wagner
Gute Akustikmaßnahmen an Flurdecken und Wänden
© Bauereignis Sütterlin Wagner

Sind Flure, Treppenhäuser, Gemeinschaftsräume zu laut, fehlt es Kindern (und Pädagog*innen) auch an Möglichkeiten zu ruhigen, entspannten Pausen. Der ganze Schultag ist ein einziger Krach. Nur wenige Berliner Schulgebäude bieten aus akustischer Sicht eine sinnvolle Lernumgebung. Doch auch Altbauschulen können durch entsprechende Sanierungen zu leisen Schulen werden. Das Ergebnis: Im ganzen Gebäude ist die Stimmung entspannter, es gibt weniger Stresssituationen, die Konflikte werden reduziert. Auch der Einbau von Rückzugsmöglichkeiten und ruhigen Arbeitsplätzen trägt dazu bei.

Sanierungsstau und Chancengleichheit

Der Senat will den Sanierungsstau in Berliner Schulen in den nächsten 10 Jahren abbauen – aber nur die dringlichsten Maßnahmen wie kaputte Dächer, Fenster, fehlender Brandschutz. Die Kosten dafür werden mit rund 1,5 Milliarden Euro beziffert. Eine Finanzierung aller weiteren Sanierungsmaßnahmen (geschätzte Kosten etwa 4 Milliarden Euro) ist ungewiss. Dazu zählen auch Akustikmaßnahmen. Bleiben Berlins Schulen also viel zu laut? Will der Senat die Benachteiligung von Schüler*innen in Altbauschulen, je nach Bezirk, bis zu zwei Drittel aller Kinder, einfach hinnehmen? Für eine Chancengerechtigkeit brauchen wir gute Lernbedingungen an allen Schulen. Dazu zählen auch baldige Sanierungsmaßnahmen für eine gute Hörsamkeit in allen Räumen, Fluren, Sporthallen und Mensen.

Eltern-AG Schulraumqualität
Dörte Brandes und Britta BruggerGrafik: Dörte Brandes

Grafik: Dörte Brandes

Für weitere Informationen empfehlen wir die Broschüre „Lärm in Bildungsstätten“: http://www.inqa.de/SharedDocs/PDFs/DE/Publikationen/laerm-in-bildungsstaetten-pdf.pdf?__blob=publicationFile

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