Berlin entscheidet sich auch für die Bildungspolitik der nächsten fünf Jahre

5Berliner Bildungspolitik rennt den Problemen immer nur hinterher. Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, nennt das Schulessen, die Gebäudesanierung oder auch die Ausbildung von Lehrkräften als Beispiele. Ergänzend könnte man den Ausbau der Ganztagsschulen oder die Einführung der Sekundarschulen erwähnen. Ersteres wurde maßgeblich aus Mitteln des Ganztagsschulprogrammes des Bundes finanziert, der Oberschulreform kam das Konjunkturpaket der Bundesregierung gerade recht. In beiden Fällen standen Mitnahmeeffekte im Vordergrund, weniger der Gestaltungswille.

Das muss sich ändern, wir müssen wieder nach vorne denken. Das gelingt, wenn die Menschen, die lernen, die unterrichten oder sich „einfach nur“ engagieren wollen, in angemessenem Rahmen beteiligt werden. In jeder einzelnen Schule gibt es Kinder, Lehrer und Eltern, die Ideen haben. Die Projekte anstossen und Schulentwicklung vorantreiben. Andere möchten auf Bezirks- oder Landesebene mitmischen und mit einem eher systemischen Blick größere Räder drehen. Auf jeder Ebene müssen dafür Strukturen und Entscheidungskompetenzen geschaffen werden. Die Frage, welche Herausforderungen wie gelöst werden sollen muss gemeinsam geklärt werden. Das ist ein Kulturwandel.

Eltern, das haben sie bereits häufig bewiesen, sind hoch engagiert, fachlich kompetent und sehr motiviert, wenn sie ernst genommen werden. Wir reden mit.
Noch 5 Tage bis zur Wahl.

Blickt man auf die letzten fünf Jahre zurück, dann merkt man, dass einiges passiert ist. Verbesserungen wurden angegangen und umgesetzt. Aber das geschah, weil es geschehen musste, als Reaktion auf „äußere Umstände“.

Norman Heise Foto: M. Bachmann
Norman Heise
Foto: M. Bachmann

Als Beispiele seien die qualitativen Verbesserungen beim Schulessen (auch wenn es wesentlich teurer wurde), die Erhöhung der Mittel für Schulsanierungen (auch wenn es nie reichte, um flächendeckend wirksam zu werden), der Ausbau der Studienplätze für Lehrkräfte (auch wenn man hier nicht von bedarfsgerechter Erhöhung sprechen kann) oder die Einführung eines Bonusschulprogrammes (auch wenn die Zugangs- bzw. Bleibe-Voraussetzungen eine Herausforderung für Schulen sind). Als Fazit lässt sich sagen, dass nie so wirklich proaktiv agiert, sondern immer nur reagiert wurde. Das Ergebnis zeigt sich dann in unterschiedlichen Rankings und Vergleichen, wie zuletzt im Bildungsmonitor 2016 bei dem Berlin die rote Laterne erhalten hat.

Nun kann man natürlich und auch berechtigt argumentieren, dass Berlin anders ist und sich vielen Herausforderungen im sozialen Bereich stellen muss, aber dahinter darf man sich nicht verstecken, sondern muss die Herausforderungen gezielt und wirksam angehen, um die rasanter werdende Abwärtsspirale zu durchbrechen.

Als Landeselternsprecher erwarte ich von der zukünftigen Regierung eine konsequente Herangehensweise und schnelle Lösungen für die dringend notwendigen Schulsanierungen. Diese sollen aber nicht nur die Funktionalität der Gebäude wiederherstellen, sondern auch die Umsetzung moderner pädagogischer Innenarchitektur ermöglichen. Das Gleiche gilt für den Schulneubau. Wir wollen keine Flurschulen mehr. München, Köln und andere Städte zeigen uns, wie die Pädagogik der nächsten 30-50 Jahre aussehen muss. Jeder Euro, der in Schulneubau investiert wird, ist für die nächsten 50 Jahre angelegt. Wir fordern daher Konzepte, wie das pädagogisch sinnvoll in der Planung (der Raum als dritter Pädagoge) und im Bau zügig und schnell finanzierbar umgesetzt werden kann. Dazu fordern wir auch die Beteiligung der zukünftigen Nutzer_innen ein.

Rund 80 neue Schulen und zehntausende neue Schüler_innen brauchen auch bestens ausgebildete, hoch motivierte und angemessen bezahlte Lehrer_innen, Erzieher_innen und Schulsozialarbeiter_innen. Es darf nicht mehr vorkommen, dass 10% des Unterrichtes nicht stattfinden. Schüler_innen haben einen Anspruch auf individuelle Förderung. Dieser darf nicht verloren gehen, weil Lehrkräfte fehlen.

Der Zugang zum Hort muss unabhängig von der Arbeits- oder Ausbildungssituation der Eltern sein, und zwar an allen Grundschulformen. Alle Schüler_innen müssen die Möglichkeit auf eine ergänzende Förderung und Betreuung in den Nachmittagsstunden haben, um zu spielen, sich miteinander auszutauschen und gemeinsam betreut Hausaufgaben zu machen, wenn die Schule an Hausaufgaben festhält. Dazu muss der Betreuungsschlüssel verbessert werden. Als Landeselternausschuss fordern wir ein Verhältnis von 1:15 statt des bisher theoretischen 1:22. Außerdem soll die Hortleitung ab jeweils 100 Kindern für Leitungsaufgaben freigestellt werden und zusätzliche Unterstützung erhalten.

Unsere Kinder verbringen häufig den ganzen Tag in der Schule. Hier nehmen sie auch ihr Mittagessen zu sich, welches wir als Eltern von jeder/m zweiten Grundschüler_in und jeder/m Oberschüler_in in voller Höhe mit monatlich 65,00€ bezahlen müssen. Viele Familien können sich das nicht leisten und sind nur knapp über der Grenze um finanzielle Unterstützung zu erhalten. Daher müssen wir mittelfristig zu einer Beitragsfreiheit für das Mittagsessen kommen, und bis zur vollständigen Umsetzung muss der Elternanteil am Schulessen an allen Schulen schrittweise reduziert werden.

Bildungserfolg darf und soll nicht von der sozialen Herkunft und/oder möglicherweise vorhandenen Handicaps abhängen. Wir müssen uns zu einer inklusiven Gesellschaft entwickeln. Es darf niemand mehr am Rand stehen bleiben und ausgeschlossen werden. Die Berliner Schulen können dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Aber der Gesamtauftrag geht an ein ganzes Netzwerk, das Unterstützung bieten muss. Dazu gehört Gesundheit, Soziales und Integration genauso dazu wie Stadtentwicklung, Arbeit und Wirtschaft, Sport und Kultur.

„Um ein Kind groß zu ziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“

Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses Berlin

Ein Gedanke zu „Berlin entscheidet sich auch für die Bildungspolitik der nächsten fünf Jahre“

  1. Lieber Landeselternausschuss, aber vor allem liebe Politiker- egal, welcher Couleur!!!

    Als Elternteil, das demnächst das Thema Schule mit seinen Kindern „hinter sich“ hat, möchte ich gerne den Beitrag von Herrn Heise in allen Punkten aus tiefstem Herzen unterstützen!

    Ich habe lange Jahre aktiv in der Elternarbeit mitgewirkt und werde das Gefühl nicht los, gegen Windmühlen zu kämpfen.
    Wir haben gottlob immer mit unserer Schulleitung konstruktiv zusammenarbeiten können, was einer sehr zugewandten und respektvollen Kommunikation geschuldet ist- aber wir Eltern mussten feststellen, dass die Grenzen dessen, was Schule leisten kann, leider „von oben“ so eng gesteckt sind, dass man eigentlich in allen Punkten nur von Schadensbegrenzung bzw. Mangelverwaltung sprechen kann!
    Es fehlt in der Berliner Schullandschaft hinten und vorne an ALLEM:
    – seien es adäquate Räumlichkeiten,
    – Schulgebäude, die den Namen Schule verdienen und nicht mit Ruinen verwechselt werden könnten,
    – kindgerechte Schulhöfe oder gar
    – Aufenthaltsräume für Oberstufler, die teilweise eine unvorstellbare Anzahl von Freistunden überbrücken müssen, ohne zu wissen, wo;
    – seien es fehlende Lehrkräfte,
    – Referendare, die ohne „Betreuung“ in allen Klassenstufen unterrichten sollen, ohne die Möglichkeiten einer Reflexion ihrer Arbeit vor und mit den Kindern,
    – Referendare, die mitten im Abiturjahrgang Prüfungen ablegen, sodass kurz vor dem Abitur Lehrerwechsel stattfinden müssen- teilweise in Prüfungsfächern…
    – lange Schultage, teilweise bis abends um 18 Uhr,
    – Mensaessen, das mit seiner Phantasielosigkeit keinen über 10 Jahren mehr anspricht…
    – Stundenausfälle als Normalfall,
    – zu große Klassen mit teilweise über 30 Schülern,
    – nicht ausreichend unterstützte Schüler mit Sprachproblemen, die dem Unterricht nicht folgen können, obwohl sie das eigentlich spielend könnten, wenn sie die Sprache beherrschen würden, sprich verstärkt Deutschunterricht bekämen;
    – Schulleitungen, die überlastet sind, da Stellvertreter fehlen
    – etliche Schulen, die sogar ganz ohne Schulleiter auskommen müssen
    – andererseits Bewerbungsverfahren, die sich endlos in die Länge ziehen, sodass wichtige Positionen über Monate unbesetzt bleiben, obwohl lange klar war, dass sie frei werden…
    – immer noch viel zu späte Stellenbesetzungen zu den neuen Schuljahren- da schauen sich natürlich die Bewerber in anderen Bundesländern um- und zwar nicht nur wegen der Verbeamtung.

    Die Liste ließe sich noch sehr, sehr lange fortführen.
    Auf den Punkt gebracht:
    in den Schulen herrscht pure Mangelverwaltung in allen Bereichen. Ein freies, innovatives, modernes und vor allem kontinuierlich inhaltvolles Lehren und Lernen wird so faktisch unmöglich macht!!! Und das mache ich der Politik zum Vorwurf und nicht den Schulleitern!
    Diejenigen Lehrer, die ungeachtet all dieser Missstände mit bewundernswertem, großen Engagement unterrichten, laufen Gefahr, verbrannt zu werden, weil sie der enormen Belastung mit Sicherheit nicht bis zur Pensionierung standhalten werden können!
    Andere haben bereits resigniert und beschränken sich auf Dienst nach Vorschrift…
    Wenn ich mir nun vorstelle, wie unter all diesen gegebenen Umständen die Aufgaben der nächsten Jahrzehnte inklusive der Integration unserer vielen neuen Mitbürger, die sich lern- und wissbegierig in dieses System begeben, bewältigt werden soll, wird mir Angst und Bange!
    Wenn Politik nicht endlich begreift, dass es nicht ausreicht, vor Wahlkämpfen nur über Bildung zu reden und sich vorzugsweise mit Kindern auf Plakaten abbilden zu lassen und vollmundige Versprechen abzugeben, dann ist es vorprogrammiert, dass die Probleme dieser Stadt angesichts vieler unzureichend beschulter junger Menschen irgendwann ungewollte Dimensionen annehmen dürfte.
    Es kann nicht funktionieren, wenn man Zuständigkeiten für jedwedes Projekt immer von einem zum anderen schiebt! Es muss sich auch mal jemand aus der Politik tatkräftig wirklich zuständig fühlen und handeln!
    In der freien Wirtschaft würde man bei dieser Herangehensweise- oder besser gesagt Fluchtweise- UNTERGEHEN!!!
    Ich bin mir sicher, ein Lehren und Lernen unter diesen Bedingungen würde KEIN POLITIKER länger als wenige Wochen hinnehmen, wenn es ihn selbst beträfe!

    UNSERE KINDER SIND UNSERE ZUKUNFT, Berlin ist groß, da braucht es eine ganze Stadt, um sie großzuziehen- nicht nur ein Dorf!

    eine von vielen Elternsprecherinnen in der Berliner Schullandschaft, die von Politik mehr erwartet!

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