Alle Schüler*innen in ihrer Vielfalt gehen in eine Schule ihrer Wahl

2Liebe Politik, an dieser Stelle müssen wir dir etwas mitteilen. 5 Milliarden Euro, das wird nicht reichen. Selbst wenn das Geld für Sanierungen und Neubauten reicht (woran einige zweifeln) – es gibt noch andere Baustellen. Zum Beispiel die Inklusion, also die Integration von Menschen mit Behinderung in das Regelschulsystem.  Mit ein paar Rampen und Fahrstühlen ist es nicht getan. Was hier richtig teuer werden wird, sind Investitionen in die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und vor allem Personalkosten.

Inklusive Schulen brauchen mehr Personal, auch aus dem nichtpädagogischen Bereich. Die AWO beginnt beispielsweise gerade ein Modellprojekt zur Einführung von „Schulkrankenschwestern“ in den Bundesländern Brandenburg und Hessen. Dass es hier (nicht nur) für chronisch kranke und behinderte Kinder einen Bedarf gibt, ist unbestritten. Es wird in den nächsten Jahren darum gehen, die Mittel dafür an allen Schulen in Deutschland bereitzustellen.

Genauso wie für Psychologen, Therapeuten, Sozialarbeiter, Sonderpädagogen… – das wird teuer.

Liebe Politik, deine Wahrnehmungsstörungen haben wir nun gemeinsam etwas gelindert. Du kannst jetzt Blickkontakt halten, das ist ein großer Fortschritt. Du bist bereit für weitere Milliarden.

Das Wort haben die Berliner Eltern. Sie beschreiben, wie inklusive Schule in Berlin sein sollte. Zahlen nennen sie keine. Wir wollen doch niemanden erschrecken -)
Noch 2 Tage bis zur Wahl.

Was erwarten Eltern von „Inklusiver Schule“:

  1. Alle Schüler*innen in ihrer Vielfalt – von hochbegabt bis schwerstbeeinträchtigt – gehen in eine Schule ihrer Wahl!
  2. Sie erhalten dort ihrem Potential entsprechend eine maximale Förderung, strukturelle und individuelle Unterstützungsleistungen – ohne Ressourcen- und Finanzierungsvorbehalte!
  3. Die Schüler*innen, ihre individuellen Bedürfnisse und ihre Entwicklung sowie das Lernverständnis stehen im Mittelpunkt – nicht das System!
  4. Das Grund- und Menschenrecht aller SchülerInnen auf individuell höchstmögliche schulische, vorschulische und nachschulische Bildung ist selbstverständlich zu gewährleisten, ohne jedwede Benachteiligung und Diskriminierung!
  5. Die Schaffung eines inklusiven Schulsystems, das alle Kinder und Jugendlichen individuell fördert und bildet – hin zu Schulen, die auf die Schüler*innen zugehen und nicht umgekehrt.

Inklusive Schule in Berlin bedeutet

…für die Senatsverwaltung,          

eine Schullandschaft, in der per Schulgesetz Schüler*innen mit Behinderungen die Aufnahme in eine Schule verweigert werden darf.

…für die Elternschaft,

eine Schullandschaft, in der per Schulgesetz Schüler*innen mit Behinderungen die Aufnahme nicht verweigert werden darf. (Beispiel: Schulgesetz Hamburg)

…für die Senatsverwaltung,

eine Schullandschaft, in der die sonderpädagogische Förderung von Schüler*innen einen finanziellen Deckel aufgesetzt bekommt. Der Förderbedarf der Schüler*innen hat sich nach den jeweiligen Interessens- und Haushaltslagen des Landes zu entwickeln.

…für die Elternschaft,

eine Schullandschaft, die der sonderpädagogischen Förderung von Schüler*innen keinen finanziellen Deckel aufsetzt. (UN-Behindertenrechtskonvention) Für vorhandenen Förderbedarf werden die erforderlichen Mittel auf gesicherte Weise auch bereitgestellt.

…für die Senatsverwaltung,

eine Schullandschaft, in der Fördermittel für Schüler*innen mit Lernschwäche, Emotional-sozialem Entwicklungsbedarf oder Sprachentwicklungsförderbedarf (LES, =75% aller Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf) nach den Einkommensverhältnissen der Elternschaft der jeweiligen Schule vergeben werden.  (Je mehr von Zuzahlung für Lernmittel befreite Elternschaft – umso mehr sonderpädagogische Fördermittel)

… für die Elternschaft,

eine Schullandschaft, in der die Fördermittel für Lernschwäche, emotional-soziale Entwicklung und Sprachentwicklung nach individuell diagnostiziertem Bedarf in auskömmlicher Höhe bereitgestellt werden.

… für die Senatsverwaltung,

eine Schullandschaft, in der die individuellen sonderpädagogischen Förderbedarfe in den Schulen u.a. mit pauschal zugewiesenen, begrenzten Mitteln zu bewältigen sind  -flankiert mit Reservemitteln solange der (einbehaltene) Vorrat reicht.

… für die Elternschaft,

eine Schullandschaft, in der die individuellen sonderpädagogischen Bedarfe der Schüler*innen fachgerecht festgestellt und für die jeweiligen individuellen Fördermaßnahmen die entsprechenden Mittel in auskömmlicher Höhe bereitgestellt werden.

… für die Senatsverwaltung,

eine Schullandschaft, mit einzelnen Schulen, die sich auf bestimmte Behinderungsarten spezialisieren, aber als Regelschulen und nicht als Förderzentren geführt werden (Schwerpunktschulen). Die „übrigen“ Regelschulen des Landes können sich ebenfalls zu inklusiven Schulen entwickeln.

… für die Elternschaft,

eine Schullandschaft, mit einzelnen Schulen die sich übergangsweise auf bestimmte Behinderungsarten spezialisieren. Die „übrigen“ Regelschulen des Landes haben sich in diesem Sinne ebenfalls auf verbindliche und transparente Weise weitestgehend zu inklusiven Schulen zu entwickeln bzw. verpflichtend auf den Weg zu machen.

… für die Senatsverwaltung,

eine Schullandschaft, in der die zusätzlichen Aufgaben für die Schulen mit geringen zusätzlichen Mitteln zu bewältigen sind. (Beispiele: Aufbau schulinterner und dauerhaft zu betreibende Inklusionszentren, Koordinierung interner u. externer inklusiver Schulentwicklungsmaßnahmen, Unterstützung für das Kollegium und Schüler*innen, neue Herausforderungen für die Schulen…)

… für die Elternschaft,

eine Schullandschaft, in der für zusätzliche Aufgaben dieser Dimension entsprechende verlässliche Grundausstattungen zur Verfügung gestellt werden. Für die individuellen sonderpädagogischen Fördermaßnahmen der Schüler*innen werden bedarfsgerecht zusätzliche Mittel bereitgestellt.

… für die Senatsverwaltung,

eine Schullandschaft, für die u.a. sonderpädagogische Fördermittel nach pauschalen Berechnungen den Schulen zuteilt werden, ohne den jeweiligen tatsächlichen Förderbedarf zu berücksichtigen. Eine Prüfung über die Verwendung dieser Ressourcen findet nicht statt.

… für die Elternschaft,

eine Schullandschaft, in der für vorhandene, individuell festgestellte Bedarfe, Förderansprüche entstehen, und die hierfür ausgereichten Mittel auch verlässlich bei den betroffenen Schüler*innen ankommen. Eine Zweckbindung und die entsprechende Verwendung der Mittel kann nachvollzogen werden.

… für die Senatsverwaltung,

eine Schullandschaft, in der mit einer internen Beschwerde- und Antidiskriminierungsstelle für die Belange von betroffenen Personen eine ausreichende Interessensvertretung gegeben ist.

… für die Elternschaft,

eine Schullandschaft, die in jedem Bezirk mit entsprechenden Befugnissen ausgestattete Ombudsstellen einrichtet. Diese sind unabhängige Anlaufstellen für Unterstützung suchende Personen und deren Interessensvertretung.

… für die Senatsverwaltung,

eine Schullandschaft, in der eine Beteiligung am Gestaltungsprozess inklusiver Schule der Betroffenen und schulischer Elternvertretung nach den Maßgaben der Senatsbildungsverwaltung zu erfolgen hat und personell von ihr bestimmt wird.

… für die Elternschaft,

eine Schullandschaft, in der eine aktive Beteiligung an der Diskussion um inklusive Schule in Berlin und dafür die Elternvertretungen und Betroffenen in ausgewogener Zahl zugelassen werden, und der Gestaltungsprozess auf gleicher Augenhöhe mit der Senatsverwaltung organisiert wird. Die Entsendung ihrer jeweils befassten Vertreter*innen zur aktiven Beteiligung am Prozess haben die Gremien und Organisationen selbst zu bestimmen.

Darüber hinaus…

ist Inklusive Schule für die einen wie für die anderen mit starker Wirkung von großer gesellschaftlicher Bedeutung

Politik mach mit!

Günter Peiritsch und Frank Heldt
Landeselternausschuss Schule
Sprecher der LEA- und BEA-AG-Inklusion

3 Gedanken zu „Alle Schüler*innen in ihrer Vielfalt gehen in eine Schule ihrer Wahl“

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    vielen Dank für diesen Kalendereintrag und die gute Darstellung der Probleme im Zusammenhang mit dem leidigen Thema INKLUSUON. Danke auch für die nachvollziehbaren Forderungen und der tatsächlichen Gegebenheiten.

    Leider haben wir bei einer Dienstbesprechung an unserer Schule erfahren, dass das Thema und die Diskussion obsolet geworden sind, da Inklusion bis 2020 abgeschafft sein wird. Durch raffinierte Formulierungen wird die Abschaffung verschleiert. Es gibt schliesslich nur ganz individuelle Persönlichkeiten und deshalb wird man Benachteiligte nicht mehr als Bebachteiligte einstufen. So einfach geht das…

    BEGRÜNDUNG:

    INKLUSION IST ZU TEUER!

    Es ist schrecklich, aber man serviert uns eine Mogelpackung nach der anderen und verkauft es uns als positive Entwicklungen.

    Leider wissen wir, dass selbst das Verpackungsmaterial nicht mehr schön zu reden ist. Über den Inhalt brauchen wir schon gar nicht mehr sprechen.

    Im Rückblick könnten wir meinen, dies sei von langer Hand geplant. Aber nein, hier verderben die vielen Köche den Brei und die rechte Hand weiß nicht, was die linke tut. Planvolles Handeln war und ist einfach nicht zu etwarten.

    Mit missmutigen Grüßen

    C. Mass

    1. Hallo Chris,

      vielen Dank für die Weiterleitung zu diesem Artikel. Das ist schon ein starkes Stück.

      Ich denke aber, dass wir das alles dem guten Herrn Zöllner und seiner 2010/11 eingeleiteten Schulstrukturreform zu verdanken haben und es dann irgendwie doch recht planvoll zugegangen sein muss.

      Seit dem leben und arbeiten wir z.T. in regelrechten Schulbiotopen. Einerseits war es sicherlich richtig, den Schulen mehr Eigenverantwortung und Gestaltungsspielräume zu geben. Auf der anderen Seite fühlt man sich aber ziemlich allein gelassen. Es ist erstaunlich, dass es dennoch so erstaunlich gut, ruhig und rund läuft – oder täusche ich mich da vielleicht?

      Denn im Falle von Problemen und Konflikten sieht es doch schon anders aus. Schau doch nur mal die Schulaufsicht, die nunmehr nur noch beratend fungiert. Für ganz Berlin ein Beschwerdemanagementbüro mit 4 engagierten Hanseln, die nicht wissen, was sie zuerst machen sollen.

      UND! das wissen wir doch nicht erst seit letzter Woche: Inklusion gab es nicht und wird es nicht geben. In der Presse lesen wir, dass LehrerInnen eingestellt wurden. 😉 Aber das ungefähr doppelt und dreifach so viele in den Ruhestand gehen, fällt dann gar nicht so auf. Klingt erstmal gut…

      Du weißt, jetzt werden die Klassen einfach auf über 30 SchülerInnen „aufgefüllt“. Aufgefüllt, das ist auch so ein Witz, denn die Klassen sind doch schon so voll und es ist teilweise keinn Lernen mehr möglich. Das ist eine Augenwischerei, die doch wirklich dem letzten Trottel auffallen müsste.

      Ich bedanke mich hier für das Engagement und hoffe, dass die Wahlen und diese Seite etwas an diesen gegebenen Situationen ändern.

      DIE HOFFNUNG STIRBT BEKANNTLICH ZUM SCHLUß

      Cathrine

  2. Hallo Chris und Cathrine,
    hallo liebe Redaktion,

    vielen Dank erstmal, dass Ihr mich auf diese Seite und diesen Beitrag aufmerksam gemacht habt.

    Die Informationen, die wir in unserer letzten LK bekommen haben, waren ja eher spärlich. Dennoch habe ich es so verstanden, dass man nicht die Inklusion bis 2020 abschaffen, sondern man wird einfach bei keinem einen erhöhten Förderbedarf feststellen.

    Hier könnte ich sogar der Sache etwas Positives abgewinnen. Bisher war das Ziel der Inklusion, Stigmatisierungen abzubauen. Auf der anderen Seite wurde an den Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen gerade die Stigmatisierung von förderungswürdigen Schülerinnen und Schülern vorangetrieben. Wenn ein Förderbedarf einzelner Schüler im „inklusiven“ Klassenverband erst festgestellt und eine Förderung beantragt werden muss, dann haben wir doch immer wieder das Problem, dass eben gerade dies zur Stigmatisierung geführt hat. Früher wurden benachteiligte SchülerInnen gesamtgesellschaftlich stigmatisiert. Heute braucht zwar niemand mehr sagen, dass er auf eine Haupt- oder Sonderschule geht, aber er muss es aushalten, dass seine MitschülerInnen in der Regel wissen, weshalb er einen ehöhten Förderbedaf hat. Ich kann nicht sagen, welche Stigmatisierung jetzt die angenehmere ist.

    Dies ist auch ein Grund, weshalb viele Eltern davor zurückschrecken, z.B. eine Dyskakulie, Lese-Rechtschreibschwäche, ADS, ADHS oder gar Autismus etc. feststellen zu lassen.

    Insofern könnte ich der Abschaffung von Feststellungsverfahren und unnötigen Stigmatisierungen etwas Positives abgewinnen. Schön wäre es, wenn die Schulen hier mehr Handlungsspielräume bekommen könnten, um selbst zu entscheiden, wo ein erhöhter Förderbedarf benötigt wird und eine Förderung individuell, gezielt und ohne Formalitäten eingesetzt werden kann. Das gleiche gilt natürlich auch für die Benachteiligtenförderung für SchülerInnen im Übergang von der Schule zur Arbeitswelt.

    Leider, und da gebe ich euch recht, wird Inklusion de facto abgeschafft, da nicht zu erwarten ist, dass nun mehr Gelder in eine allgemein bessere pädagogische Versorgung investiert werden. Von der z.T. maroden Ausstattung der Schulen brauchen wir dann auch nicht mehr sprechen.

    Interessant ist aber, dass sich die Parteien mehr oder weniger für die Inklusion aussprechen.

    Hier wird es vor allem die Aufgabe von Eltern und hoffentlich auch immer mehr LehrerInnen sein, die hier die richtigen Fragen und Forderungen stellen.

    Wir müssen uns klar werden, dass man uns seit Jahren immer wieder hinters Licht geführt hat und mit schönen Worten verschleiert, was hier in Berliner Schulen los ist.

    Wenn also nicht Inklusion abgeschafft werden soll, aber auch nicht mehr finanzielle Mittel bereitgestellt werden, dann wäre doch die Frage, wie will die Politik dafür sogen, dass Schulbildung überhaupt noch adäquat, individuell und qualitativ möglich ist.

    Umsonst gibt es das alles auf jeden Fall nicht.

    Die Möglichkeiten, die jetzt genutzt werden, um einen Teil unseres Bildungsauftrages auszulagern, wie z.B. bei der Berufsorientierung, halte ich für vollkommenen Blödsinn (in Neusprech heißt es vermutlich outsourcing). Eigentlich könnten auch hier wieder mehr die Schulen 1. gefördert und natürlich 2. gefordert werden. Ich verstehe diese Finanzspritzen an diesen unübersichtlichen privaten Bildungsmarkt, der in meinen Augen sogar etwas von Subunternehmertum hat, sowieso nicht. Aber da kümmert ihr euch ja gerade mit eurer Elterninitiative drum.

    Gut, hoffen wir, dass die Wahlen im Sinne der Berliner Schulen ausfallen.

    Beste Grüße

    Sabine

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