Weddinger Eltern: Wir haben einen Plan

11In den Klassen der Berliner Grundschulen sitzen zwischen 23 bis 26 Kinder. Geregelt ist das für die Schulanfangsphase, in den höheren Klassen dürfen auch mehr Schüler sein. Ausnahmen gelten für Lerngruppen in sogenannten Brennpunktgebieten mit einem hohen Anteil lernmittelbefreiter Kinder bzw. mit vielen Schülern mit Migrationshintergrund. Hier sollen die Gruppen zwischen 21 und 25 Kinder umfassen.

In den letzten Jahren, berichten Eltern aus Wedding, wurden die Höchstgrenzen immer mehr ausgereizt. Obwohl die Schulen des „GEV-Verbunds“ aus acht Weddinger-Schulen einen Anteil von Schülern mit nicht deutscher Herkunftssprache zwischen 70 und fast 100 Prozent liegt, lagen die Klassengrößen im Jahr 2014 bei 24 Schülern. 2016 war die Grenze von 25 bereits ausgereizt.

Dokumentiert ist dies in einem bemerkenswerten „alternativen Schulentwicklungsplan“, den die Eltern jetzt vorgelegt haben. Sie bezweifeln darin Berechnungen der Verwaltung, wonach ein einziger Schulneubau ausreicht, den Schülerzuwachs aufzufangen. Außerdem fürchten sie um die pädagogische Qualität des schulichen Angebots. Last but not least: Die Bedeutung der Grundschule für den Lernerfolg der Kinder auch in den weiterführenden Schulen werde unterschätzt.

Lesen Sie hier den Beitrag der Eltern, der sicher Grundlage sein kann für weitere spannende Diskussionen.
Noch 11 Tage bis zur Wahl.

Als Weddinger GEV-Verbund konnten wir einige Gespräche mit Bezirksstadträtin Frau Smentek führen – seit April 2016 insbesondere zum aktuellen Stand des Schulentwicklungsplans (SEP) für Mitte. Wir sind dankbar für diese Gelegenheiten zum Austausch und froh, dass die politisch Verantwortlichen im Bezirk bis hin zum Bürgermeister Dr. Hanke unseren Anliegen mit Offenheit begegnen.

Übereinstimmend mit unseren Schulleitungen, PädagogInnen, Eltern und auch der Bezirksstadträtin müssen wir aber feststellen: Der Schulentwicklungsplan in seiner jetzigen Fassung führt zu einer Verschlechterung der Bildungsqualität an den Weddinger Grundschulen!

Wieso?

GEV Verbund Weddinger GrundschulenDer SEP sieht planmäßige Klassengrößen von 25 und mehr Kindern vor und steht damit im Widerspruch zur aktuellen Empfehlung der Senatsverwaltung für Bildung ( Aussage von Staatssekretär Mark Rackles auf der Veranstaltung „Bildungspolitik in Berlin – woher, wohin, wie weiter?“ am 15.06.2016) . Auch die Intention der Berliner Grundschul-Verordnung ist eine andere: Kommen viele Kinder aus nicht deutschmuttersprachlichen Elternhäusern und / oder aus Familien mit geringem Einkommen, so sieht die GrundschulVO weniger Kinder pro Klasse vor. Diese beiden Kriterien treffen für alle Weddinger Grundschulen zu. Das dritte Kriterium – Inklusion, also der gemeinsame Unterricht aller Kinder eines Wohngebietes, auch von Kindern mit besonderem und sonderpädagogischem Förderbedarf, ist ebenfalls in vielen Weddinger Grundschulen gelebte Normalität. Sind alle drei Kriterien erfüllt, sieht die GrundschulVO lediglich 21 Kinder pro Klasse vor. Bereits heute arbeiten viele Lerngemeinschaften aufgrund bestehender Engpässe mit 24 oder 25 Kindern. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass dadurch die Kräfte der Beteiligten an den Rand des Scheiterns gebracht werden.

Der Teilungsunterricht – die Arbeit in kleineren Gruppen – bildet ein Kernstück der Lehrkonzepte, mit denen unsere Grundschulen auf den sehr unterschiedlichen Lernstand und -fortschritt der einzelnen Kinder eingehen. Der im SEP festgelegte Wegfall der dafür benötigten Räume erschwert oder verhindert diesen Teilungsunterricht und torpediert damit bewährte pädagogische Konzepte.

Die bereits vollzogene und weiterhin geplante Einrichtung jahrgangshomogener 1. Klassen bedeutet einen weiteren Eingriff in die Lehrkonzepte. Alle Grundschulen des Weddinger GEVVerbunds unterrichten jahrgangsübergreifend Schulanfangsphaseoder die Klassen 1 bis 3, einige auch die Klassen 4 bis 6. Die pädagogische und organisatorische Arbeit in den Grundschulen ist auf diese Klassenaufteilung ausgerichtet, so dass die neuen 1. Klassen derzeit so gut es geht nebenher laufen müssen. Der SEP schreibt dieses notgedrungene Nebenher für die kommenden Jahre fest und führt noch zu dessen Ausweitung.

Diese massiven Störungen der Rahmenbedingungen führen zu einer weiteren Mehrbelastung der LehrerInnen – denn sie sind es, die die aufgerissenen Lücken im Schulalltag schließen müssen. Dies ist für viele umso bitterer, da sie die Schulkonzepte selbst entwickelt und optimiert bzw. sich ihretwegen für die Arbeit an diesen Grundschulen entschieden haben. Daher befürchten wir auch erhebliche Nachteile im Berliner Konkurrenzkampf um LehrerInnen-Nachwuchs: Mit den innovativen Schulkonzepten verlieren wir – bei Umsetzung dieses SEP – eines der wenigen Argumente, mit denen sich sehr gute LehrerInnen für die Arbeit an unseren Brennpunktschulen begeistern ließen.

Auch die Ergänzende Förderung und Betreuung (EFöB, ehm. Hort) wird durch den SEP geschwächt: Für den Zuwachs an Kindern, den die steigenden Einschulungszahlen mit sich bringen, steht schon räumlich noch weniger Platz pro Kind zur Verfügung – denn bisherige EFöB-Räume werden im Rahmen der vorgesehenen „Verdichtung“ zu Klassenräumen umgenutzt. Auch hier werden bewährte pädagogische Konzepte ausgehebelt und damit ein zentrales Mittel zur Herstellung der Chancengleichheit im Bildungsbereich beschnitten. Dazu kommen organisatorische Absurditäten, wie das Mittagessen von 11:30 bis 15:00 in 20Minuten-Schichten, weil Schulmensen und Essensräume natürlich nicht einfach mitwachsen.

Der SEP vermittelt den Eindruck, dass der bereits eingesetzte und weiter zu erwartende Zuwachs an Einschulungskindern mit einem Schulneubau (Chaussee- / Boyenstraße) und den vorhandenen Ressourcen (und etwas mehr gemeinsamer Anstrengung) bewältigt werden kann. Faktisch und auch politisch halten wir dies für eine krasse Fehleinschätzung. Als GEV-Verbund Weddinger Grundschulen sehen wir stattdessen die dringende Notwendigkeit, die Zahl der Schulen merklich zu erhöhen. Zusätzliche Schulgebäude müssen kurzfristig durch Neubauten, Reaktivierungen oder auch Umnutzungen bereitgestellt werden. Dokumentiert haben wir diesen Ansatz in einem alternativen Schulentwicklungsplan, mit dem wir einen zusätzlichen Beitrag in dieser wichtigen Diskussion leisten. Eine einfache Lösung liegt nicht auf der Hand – aber wir sind überzeugt, dass dieser Ansatz eine wichtige Voraussetzung ist, damit alle Kinder gleichermaßen einen guten Einstieg in die Schulbildung bekommen können.

Für den GEV-Verbund Weddinger Grundschulen
Jens Wesendrup (GEV Leo-Leonni-Grundschule)

Die GEVs von derzeit acht Weddinger Grundschulen haben sich vernetzt, um eine bessere Kommunikation zwischen den Eltern der Weddinger Grundschüler_innen einerseits und mit schulpolitisch wichtigen Ansprechpartner_innen andererseits zu gewährleisten und so bessere schulische Verhältnisse für die Kinder an unseren Schulen zu erzielen.

www.weddinger-eltern.de

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