Berlin braucht gut durchdachte Schulbauten für moderne Unterrichtsformen

10Fünf Milliarden Euro sollen nach dem Willen des aktuellen Regierenden Bürgermeisters Michael Müller in den nächsten 10 Jahren in die Berliner Schulen investiert werden. Das ist eine Herkulesaufgabe, die  ohne eine grundlegende Strukturreform wohl kaum zu schaffen ist. Zu viele Bezirks- und Senatsstellen mischen mit, zu träge sind die Abläufe. Die Berliner Eltern drängen daher auf eine möglichst weitreichende und tiefgreifende Verwaltungsreform, damit Bauvorhaben (nicht nur) an Schulen viel schneller umgesetzt werden können als bisher.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Es ist nicht damit getan, die Gebäude in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen, so dass das Haus wieder freundlicher aussieht, die Toiletten nicht mehr stinken, es nicht mehr hineinregnet und die Kinder an den Fensterplätzen im Winter nicht mehr frieren. Gute Schulen brauchen mehr als frische Farbe.

Zwei Elternvertreterinnen aus Kreuzberg berichten über Wünschenswertes und Notwendiges. Erzählen von interessanten Konzepten und guten Beispielen. Leider wurde den „Geburtshelfern“ einiger wegweisender Beispiele für gelungene Raumgestaltung erst unlängst die Projektmittel gestrichen.

Eine Entscheidung, die überdacht werden sollte.
Noch 10 Tage bis zur Wahl.

Kreuzberger Borsigwald-Realschule vor der Schließung und Vermietung an Externe, nun fehlen in Kreuzberg Oberschulen © Nikolai Roskamm
Kreuzberger Borsigwald-Realschule vor der Schließung und Vermietung an Externe, nun fehlen in Kreuzberg Oberschulen
© Nikolai Roskamm

Berlin steht in den letzten Jahren vor einer großen Herausforderung: Die Stadt wächst und wächst. Das bedeutet auch: Immer mehr Kinder leben und lernen hier. Sie brauchen Schulplätze in Grund– und Oberschulen. Doch daran mangelt es. Zu spät wurde das Problem erkannt, zu schnell wurden vermeintlich überflüssige Schulen geschlossen, zu langsam wurden neue Schulen gebaut. Die Folge: Möglichst schnell müssen viele Schulplätze geschaffen werden, über Qualität traut sich kaum noch jemand zu sprechen.

Projektraum nach der Gestaltung durch „Bauereignis“ © Bauereignis Sütterlin Wagner
Projektraum nach der Gestaltung durch „Bauereignis“
© Bauereignis Sütterlin Wagner

Doch reicht es mit modularen Ergänzungsbauten schnell viele Räume für viele Kinder zu schaffen?  Ein Schulplatz braucht mehr als Tisch und Stuhl, aufgereiht in einem Klassenraum mit Blick auf Tafel oder Whiteboard. Notwendig sind auch Sporthallen, Mensen, Räume für die Nachmittagsbetreuung, Fachräume (z. B. als Experimentierwerkstätten oder Übungsräume für Musik), Teilungsräume, Schulbüchereien, Gemeinschaftsräume, eine Aula. Gerade in Ganztagsschulen brauchen Kinder auch Rückzugsmöglichkeiten, Plätze für Ruhe und Entspannung, verschiedene Bereiche für unterschiedliche Lernformen. Schnell gebaute modulare Ergänzungsbauten bestehen aber erst einmal nur aus vielen Klassenräumen. Und das reicht nicht für eine gute Schule.

Arbeiten mal nicht im Sitzen © Bauereignis Sütterlin Wagner
Arbeiten mal nicht im Sitzen
© Bauereignis Sütterlin Wagner

Früher funktionierte Schule so: Vorne stand der Lehrer und trug vor, ihm gegenüber aufgereiht die Klasse, möglichst leise, konzentriert, zuhörend. Heute ist klar: Optimales Lernen funktioniert anders. Im Idealfall sollten nur 30% des Unterrichts in Vortragsform stattfinden, 30% in Kleingruppen gearbeitet, 30% sollten Themen individuell erarbeitet werden und ca. 10 % im Kreis der ganzen Klasse. Wichtig ist auch, dass sich Kinder bewegen können, nicht nur ruhig den ganzen Tag auf Stühlen sitzen. So lernt es sich nicht nur besser, es ist auch viel gesünder.

Vielfalt des Lernens, Klassenzimmer nach Umbau durch „Bauereignis“ © Bauereignis Sütterlin Wagner
Vielfalt des Lernens, Klassenzimmer nach Umbau durch „Bauereignis“
© Bauereignis Sütterlin Wagner

Klar, dass ein Klassenzimmer dafür Platz braucht und andere Möbel. Schulräume müssen Kindern ermöglichen in ihrem eigenen Tempo lernen zu können, brauchen Bereiche für Gruppenarbeit und leises individuelles Lernen. Das Berliner Projekt „Bauereignis“ gestaltet mit Kindern und Pädagog*innen langweilige Klassenräume zu individuellen und inklusiven Orten mit vielfältigen Bewegungsmöglichkeiten. Leider wurden dem Projekt alle Mittel gestrichen, es bleibt zu hoffen, dass es eine Neuauflage gibt.

Viele Schulen haben sehr kleine Mensen, das Mittagessen muss in zahlreichen Schichten stattfinden. Damit das Essen über so einen langen Zeitraum genießbar bleibt, werden die Essenzeiten verkürzt, die Kinder in Hektik und Stress durchgeschleust. Gesunde Ernährung sieht anders aus! Dafür braucht es Ruhe, Zeit – und Platz. Auch gesunde Ernährung und gemeinsames Essen müssen Teil einer guten Schulbildung sein.

Berliner Schulen sind oft Altbauten mit einer schlechten Akustik. Sie sind häufig so laut, dass die Lehrkräfte kaum ihr eigenes Wort verstehen und die Kinder sich nicht konzentrieren können. Manche Fenster lassen sich nicht öffnen, die Räume schlecht lüften, die Frischluft ist schnell verbraucht. Doch Mief macht müde. Gute Schulen brauchen also auch eine gute Dämmung und ausreichend Belüftungsmöglichkeiten, das gilt auch für Altbau-Schulen.

Planung für den Umbau eines Projektraums mit verschiedenen Lernbereichen © Bauereignis Sütterlin Wagner
Planung für den Umbau eines Projektraums mit verschiedenen Lernbereichen
© Bauereignis Sütterlin Wagner

Berlin braucht keine schnell erbauten Zweckbauten, sondern gut durchdachte Schulbauten, bei deren Planung alle beteiligt und die verschiedenen Bedürfnisse für moderne Unterrichtsformen berücksichtigt werden. Dazu zählt auch eine Qualität für Inklusion. Berlin arbeitet mit dem „Musterraumprogramm“, einer Empfehlung für Schulbauten mit

Schülerinnen bauen gemeinsam ihr Klassenzimmer um  © Bauereignis Sütterlin Wagner
Schülerinnen bauen gemeinsam ihr Klassenzimmer um
© Bauereignis Sütterlin Wagner

Flächen- und Raumangaben, jedoch ohne qualitative Anforderungen an pädagogische Raumkonzepte. Es ist keine gesetzliche Verpflichtung und für Altbauten mit kleineren Räumen häufig unbrauchbar. Großstädte wie Köln und München haben das Erfordernis von qualitativen Anforderungen an Schulgebäude erkannt und entsprechende Planungsrahmen entwickelt. Es wird Zeit, dass sich auch Berlin auf den Weg macht.

Dörte Brandes und Britta Brugger
Kreuzberger Elternsprecherinnen

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